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Kai Matussiks Praxis enfaltet sich als nachhaltige Untersuchung der Bedingung der zeitgenössischen Existenz. in Zusammenarbeit mit Stift und Pinsel entwickelt er Bildwelten in denen Humor, Zweideutigkeit und psychologische Tiefe nebeneinander bestehen. Seine Bilder erscheinen oft trügerisch leicht, doch sie gründen auf einem genauen Bewusstsein der Widersprüche und Schwachstellen die die menschliche Erfahrung prägen. Über diese Werke hinweg werden Figuren und Motive auf wesentliche Gesten und Formen reduziert. Diese Wirtschaft der Mittel erlaubt, Material, Oberflächen und Assoziation eine Höhe erhöhte Bedeutung zu bekommen. Matussiks erfinderische Umgang mit Farbe und seine Offenheit für vielfältige Techniken erzeugen unerwartete Visuelle Beziehungen die den Betrachter eher zu einem aufmerksamen Blick, als zu einer sofortigen Interpretation verleiten. Während Witz und Ironie als Einstiegspunkte funktionieren, werden sie konsequent durch eine gedämpfte, poetische Melancholie, ausgeglichen. Abwesenheit, Verdrängung und Momente der Nicht-Auflösung kehren als strukturierende Elemente zurück. Was auf ein Verständnis von Identität und Wahrnehmung als instabil und Kontingent hindeutet. In diesem Sinne wehren sich die Werke dem Narativabschluß entgegen und schlagen stattdessen Zustände der Aussetzung und Reflektionen vor. Was Matussiks vielfältiges Euvre letztendlich vereint, ist eine Bereitschaft, formale und konzeptionelle Risiken einzugehen. Seine Gemälde wirken als stille aber einschneidende Reflektionen über die Gegenwart und bieten Räume in den Humor und Ernsthaftigkeit Spiel und Introspektion in produktiver Spannung bleiben.
Kai Matussik ist ein Erforscher der weiten Tiefsee unseres Hier & Jetzt. Ein Satiriker mit Stift und Pinsel. Einem Kraken gleich greift und packt er mit den verschiedensten Werkzeugen und Malmitteln thematisch vielarmig zu. Das was seine vielfältigen Arbeiten jedoch eint ist der erfrischende Humor des Künstlers, sein sensibles Gespür für Abgründiges und seine offenherzige Frechheit Motive zu wagen. Dabei dringt der Maler, durchaus dem Octopus ähnlich, in die tiefer gelegenen Schichten unserer widersprüchlichen Existenz vor und birgt weit mehr als den vordergründigen Witz, den viele seiner Werke anbieten. Man kann sich von seiner verspielten Herangehensweise ans Material, seinen immer wieder überraschenden Bezügen und Ideen zu einer erfrischenden Heiterkeit verführen lassen und doch ist da eine poetische Melancholie den Arbeiten mitgegeben, die immer auch ein Merkmal echter Kunst ist.
Kai Matussik is an explorer of the vast depths of our here & now. A satirist with pen and brush. Like an octopus, he grasps and grasps thematically with a variety of tools and painting media. What unites his diverse works, however, is the artist's refreshing humor, his sensitive sense of the abysmal, and his open-hearted boldness in daring to explore motifs. In doing so, the painter, much like an octopus, penetrates the deeper layers of our contradictory existence and conceals far more than the superficial wit that many of his works offer. One can be seduced by his playful approach to the material, his constantly surprising references and ideas, and yet there is a poetic melancholy inherent in his works, which is always a hallmark of true art.
Leo Marsalla, Free ArtReview Toronto
Meine Malerei ist narrativistisch, dabei geht es um Bilder die Resonanzräume schaffen, die anregen und reizen. Sehr oft kommt mir ein Bild in den frühen Stunden des Morgens in den Sinn. Oder es geschieht während des Laufens oder Schwimmens. Es geschieht "Inbetween". An diesen Einfällen arbeite ich im Kopf weiter , lange bevor ich zu malen beginne, lasse es entstehen , verwerfe , probiere und prüfe. Ohne diesen Vorlauf setze ich mich selten vor die leere Fläche meines Malgrunds . Die Umsetzung der Idee , der Malprozess ist intensiv , fast rauschhaft . Acrylfarben ermöglichen mir fließend ohne Unterbrechung zu malen. Oft entsteht das Bild in einer Sitzung , wie ein Lied das man improvisiert . In diesen Prozess bringen sich gerne spontane Einfälle ein, so dass ich oft über das staune ,was und wie entsteht . So läuft's, genauso und anderswie.
My idea of the arts and of making images is to create spaces of resonance that stimulate and provoke. Very often, an image comes to mind in the early hours of the morning. Or it happens while running or swimming. It happens 'in between. I continue to work on these ideas in my head long before I begin to paint, letting them emerge, discarding, trying out, and examining them. Without this preliminary phase, I rarely sit in front of the blank surface of my painting ground. The realization of the idea, the painting process, is intense, almost intoxicating. Acrylic paints allow me to paint fluidly without interruption. Often the image emerges in one session, like a song that one improvises. In this process, spontaneous ideas often contribute, so that I am often amazed at what and how something emerges. That's how it goes, in this way and in other ways.
Kai Matussik
Vorwort zu "Libri"/ Ernst Ascher, Tanger, 2022
Wozu verführt uns die Liebe zum Buch, dem traditionellen Medium des menschlichen
Unwissens? Die einfache Antwort auf diese Frage lautet: zum Lesen wider besseren
Wissens. Das wäre die Haltung des Trotzdem, aus dem Bewusstsein heraus, dass alles,
was mündlich geäußert und auch geschrieben wird, der Zeitlichkeit unterworfen ist,
sich morgen schon als anders gemeint, neu interpretiert, als den Zeitläufen oder einem
Paradigmenwechsel unterworfen – und daher als ein großer Irrtum, gespeist aus vielen
kleinen Erkenntnissen, erweisen könnte. Zum Glück gibt es noch das Lesen um der
Muße und des puren Vergnügens willen. Der Mensch vergisst seine Sorgen, solange
er liest. Kai Matussik wählt einen Weg der dritten Art: Er nähert sich mit dem
befremdlichen Blick des Illustrators der Materie und geht semantisch vor:
Welche Spezifika, Komposita, Assoziationen, Eigenschaften oder schlichtweg
Erfahrungen verbindet der geneigte Leser, die geneigte Leserin mit der
Neuerscheinung der Altware Buch und ihrem schier unerschöpflichen
Wertschöpfungszyklus? Da gibt es das Buch als „Inselführer“ für Eskapisten,
als „Gesetzbuch“ für Heterodoxe, als „Bücherstützen“ für den buchstäblichen
Burn-out, gar als „Kamasutra“ für organisches, nichtsdestoweniger gebremstes
Wachstum, für den „Ghostwriter“, der die Untiefen des Lebens, insbesondere des
politischen, vermisst, die „Fußnote“ als letzten Abdruck des ersten Menschen oder
die blickdichte „Lesebrille“, die das freie Imaginieren fördert. Wie man sieht:
Das Buch und sein Druck ist von vielfältigen oder, zeitgemäßer, von diversen
Gestalten bevölkert, von Fliegenköpfen, Hurenkindern und Schusterjungen, und
seiner Wandlungsfähigkeit können auch heute noch, bald 600 Jahre nach seiner
Erfindung in Form von beweglichen Lettern, die sogenannten sozialen Medien
nicht den Rang ablaufen. Denn welches Medium wäre sozialer als eben das Buch, das,
in Einsamkeit gelesen, die ganze planetare Vielfalt aus nur 26 Buchstaben
hervorzaubert und sie in schier unendlichen inneren und äußeren Bildern der
Phantasie zu universalem Leben erweckt?
